Feste · August
Awa Odori
阿波おどりあわおどりAwa OdoriTanzende Narren, zuschauende Narren: vier Nächte Bon-Tanz in Tokushima
Awa Odori ist das Bon-Tanzfest der Stadt Tokushima auf Shikoku, jedes Jahr vom 12. bis 15. August. Vier Nächte lang ziehen Hunderte Tanzgruppen, ren genannt, zu einem schnellen Zweiertakt durch die Straßen – der größte und bekannteste Bon-Tanz Japans.
Awa ist der alte Provinzname von Tokushima, odori heißt schlicht Tanz. Jedes Jahr im August, wenn in den Obon-Tagen die Geister der Ahnen nach Hause geholt werden, sperrt Tokushima seine Innenstadt für den Verkehr und überlässt sie den Tänzern. Die ren – von Nachbarschafts- und Firmengruppen bis zu berühmten, nahezu professionellen Ensembles – bewegen sich in Formation durch die Straßen, jede mit eigener Kapelle und eigenem Stil.
Weit über Tokushima hinaus bekannt ist der Kehrreim zum Rhythmus der Tänzer: „Odoru ahō ni miru ahō, onaji ahō nara odoranya son son“ – sinngemäß: Narren sind, die tanzen, Narren, die zuschauen; sind wir ohnehin alle Narren, wäre es schade, nicht zu tanzen.
Ursprünge
Awa Odori ist aus den Bon-Tänzen hervorgegangen, mit denen man in ganz Japan die Totengeister empfängt und wieder verabschiedet. Eine verbreitete Erzählung verlegt den Anfang ins Jahr 1587: Hachisuka Iemasa, der neue Herr von Awa, soll den Stadtbewohnern zur Fertigstellung der Burg Tokushima Sake spendiert haben, worauf sie ausgelassen tanzten. Belegt ist das nicht; die Forschung sieht im Fest eine örtliche Ausprägung des Bon-Tanzes.
In der Edo-Zeit, als Tokushima mit Indigo reich wurde, tanzte man so ausgelassen, dass die Hachisuka-Domäne den Tanz wiederholt per Erlass beschränkte. Der Name Awa Odori setzte sich im frühen 20. Jahrhundert durch, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Fest im großen Stil als Touristenereignis organisiert.
Tanz und Musik
Die Musik, yoshikono genannt, ist ein flotter Zweiertakt aus Shamisen, großen und kleinen Taiko-Trommeln, einem kleinen Gong (kane) und Shinobue-Flöten. Die Tänzer rufen dazu „Yattosa, yattosa“.
Zwei Grundformen werden getanzt. Der Männertanz (otoko-odori) ist tief, locker und kraftvoll, mit gebeugten Knien, erhobenen Händen und einem Hauch von Komik. Der Frauentanz (onna-odori) ist aufrecht und präzise: In gleichen Yukata und tief ins Gesicht gezogenen Strohhüten (amigasa) bewegen sich die Tänzerinnen in engen Reihen auf den Zehenspitzen ihrer Geta, die Hände zeichnen anmutige Figuren über dem Kopf. Viele ren haben auch eine Kindergruppe, und immer mehr Frauen tanzen auch den Männertanz.
Ren
連renTanzgruppe mit eigenen Musikern, Kostümen und Stil; die berühmten Ensembles heißen yūmei-ren.
Zomeki
ぞめきzomekiDas lebhafte Getöse der Festmusik im Zweiertakt, die nach dem Volkslied Yoshikono-bushi, aus dem sie hervorgegangen sein soll, yoshikono heißt.
Amigasa
編み笠amigasaDer gefaltete, geflochtene Strohhut, der beim Frauentanz tief über dem Gesicht sitzt.
Niwaka-ren
にわか連niwaka-renSpontangruppen, in denen Besucher nach kurzer Einweisung ohne Vorbereitung eine Strecke mittanzen können.
Die Festnächte
An allen vier Abenden tanzen die ren vom frühen Abend bis gegen zehn Uhr auf mehreren Strecken der Innenstadt. Einige Abschnitte sind als enbujō eingerichtet, Bühnenstrecken mit kostenpflichtigen Tribünen, auf denen die Gruppen nacheinander auftreten; andere Straßen sind frei zugänglich, und in Seitengassen und Parks tanzen die ren oft ganz nah am Publikum.
Für viele der eindrucksvollste Moment ist das sōodori, bei dem zahlreiche berühmte ren gemeinsam eine Bühne füllen. In der letzten Nacht, am 15. August, wird getanzt, bis die Geister verabschiedet sind und Obon endet.
Awa Odori außerhalb Tokushimas
Der Tanz hat sich über ganz Japan verbreitet. Der größte Ableger ist das Kōenji Awa Odori in Tokio, 1957 von Geschäftsleuten des Viertels ins Leben gerufen und an einem Wochenende Ende August gefeiert. In Tokushima selbst bleibt der Tanz das ganze Jahr lebendig: Im Awa-Odori-Kaikan am Fuß des Bizan treten täglich Ensembles auf.
Anreise und Besuch
Tokushima erreicht man mit dem Fernbus von Osaka oder Kobe über die Insel Awaji oder mit der Bahn über die Seto-Ōhashi-Brücke und Takamatsu. Zur Festzeit sind die Hotels der Stadt lange im Voraus ausgebucht; viele Besucher wohnen in Naruto, Takamatsu oder im Raum Kansai und reisen abends an. Hitze und Schwüle des Augusts halten bis tief in die Nacht an.
Zeitleiste
1587
Überliefertes Gründungsjahr der Burg Tokushima, das die Legende mit dem Tanz verbindet
Edo-Zeit
Die Hachisuka-Domäne beschränkt den Bon-Tanz in der aufblühenden Burgstadt wiederholt
Frühes 20. Jh.
Der Name Awa Odori setzt sich durch
1957
Beginn des Kōenji Awa Odori in Tokio
Häufige Fragen
Wann findet Awa Odori statt?
Jedes Jahr vom 12. bis 15. August in Tokushima, während der Obon-Tage. Getanzt wird vor allem abends.
Können Touristen mittanzen?
Ja. In den niwaka-ren tanzen Besucher nach einer kurzen Einweisung eine Strecke gemeinsam mit dem Publikum.
Was bedeutet das berühmte Lied?
Narren sind, die tanzen, Narren, die zuschauen – sind alle ohnehin Narren, wäre es schade, nicht zu tanzen. Es ist die Einladung des Fests zum Mitmachen.
Gibt es Awa Odori auch in Tokio?
Ja, das Kōenji Awa Odori im Bezirk Suginami findet seit 1957 an einem Wochenende Ende August statt und zählt zu Tokios größten Sommerfesten.
Wo lässt sich der Tanz außerhalb der Festzeit sehen?
Im Awa-Odori-Kaikan in Tokushima, wo Ensembles das ganze Jahr über mehrmals täglich auftreten.