Feste · September, Oktober
Tsukimi (Mondschau)
月見つきみtsukimiReisklößchen, Chinaschilf und der klarste Mond des Jahres
Tsukimi ist der japanische Brauch, den Herbstmond zu betrachten, vor allem den Vollmond von Jugoya, der 15. Nacht des achten Monats im alten Lunisolarkalender, die zwischen Mitte September und Anfang Oktober liegt. Familien stellen Reisklößchen, Chinaschilf und Herbstfrüchte als Opfergabe und Erntedank auf.
Im alten Kalender war die 15. Nacht jedes Monats Vollmond, und in der 15. Nacht des achten Monats, mitten im Herbst, galt der Mond als der schönste des Jahres: hell in der klaren, trockenen Luft nach der Schwüle des Sommers. Seit der Heian-Zeit wird diese Nacht mit Mondschau, Dichtung und Opfergaben gefeiert.
Tsukimi ist leiser als die meisten japanischen Feste. Viele Familien stellen nur ein kleines Gestell mit Reisklößchen und Chinaschilf ans Fenster oder auf die Veranda, Supermärkte und Konditoreien füllen sich mit Süßigkeiten in Hasenform. Tempel, Gärten und Burgen mit alter Mondschau-Tradition laden zu Abendveranstaltungen mit Musik und Tee.
Termine und alter Kalender
Da Jugoya im Lunisolarkalender festgelegt ist, wechselt sein gregorianisches Datum jährlich und liegt etwa zwischen Mitte September und Anfang Oktober; das Nationale Astronomische Observatorium Japans veröffentlicht es jedes Jahr. Der astronomische Vollmond fällt nicht immer genau auf Jugoya, sondern mitunter ein bis zwei Tage später.
Japan kennt zudem eine zweite Mondnacht, die es in China nicht gibt: Jusan'ya, die 13. Nacht des neunten Monats, etwa einen Monat nach Jugoya. Nach den jahreszeitlichen Gaben heißt sie auch Kuri Meigetsu oder Mame Meigetsu, „Kastanienmond“ oder „Bohnenmond“. Nur einen der beiden Monde zu betrachten, Katamitsuki, galt traditionell als unglückbringend.
Jugoya
十五夜jūgoyaDie 15. Nacht des achten Mondmonats, die wichtigste Nacht der Mondschau.
Jusan'ya
十三夜jūsan'yaDie 13. Nacht des neunten Mondmonats, eine in Japan entstandene Mondnacht.
Von höfischer Dichtung zum Erntedank
Die Mondschau in der Mittherbstnacht kam aus dem China der Tang-Zeit und setzte sich im 9. und 10. Jahrhundert am Heian-Hof durch. Adlige feierten Bankette in ihren Gärten und auf Booten auf den Teichen, bewunderten den Mond am Himmel und sein Spiegelbild im Wasser und in der Sakeschale und dichteten Waka. Seitdem ist der Mond eines der großen Jahreszeitenmotive der japanischen Dichtung, vom Kokinshu bis zu den Haiku Matsuo Bashos.
Für die Bauern war der Vollmond des achten Monats ein Erntedank, besonders für den Taro, den man in dieser Nacht darbrachte – daher der Name Imo Meigetsu, „Taromond“. In der Edo-Zeit verschmolzen beide Stränge zum heutigen Familienbrauch mit Klößchen aus frisch geerntetem Reis.
Opfergaben und Speisen
Die klassische Tsukimi-Gabe steht dort, wo man den Mond sieht: ein Stapel weißer Reisklößchen auf einem kleinen Holztablett, Zweige von Susuki (Chinaschilf) und Früchte der Saison wie Taro, Kastanien, Kaki und Trauben. Zu Jugoya legt man fünfzehn Klößchen auf, zu Jusan'ya dreizehn. Das Chinaschilf vertritt die noch nicht geernteten Reisähren, und seine scharfen Blattränder sollten Böses fernhalten; mancherorts hängt man es nach der Mondnacht zum Schutz unter die Traufe.
In Kansai sind Tsukimi-Dango oft länglich und in süße Bohnenpaste gehüllt, in Form einer Taroknolle. Den Namen Tsukimi trifft man auch ganzjährig auf Speisekarten: Tsukimi-Soba und Tsukimi-Udon tragen ein rohes Ei, dessen Dotter an den Mond erinnert.
- 月見団子tsukimi dango
Weiße Reisklößchen, pyramidenförmig als Opfergabe für den Mond aufgeschichtet.
Susuki
薄susukiChinaschilf, eine der sieben Herbstblumen, das neben die Gaben gestellt wird.
- 月見そばtsukimi soba
Soba-Nudeln mit rohem Ei, dessen Dotter den Mond darstellt.
Der Hase im Mond
Wo man in Europa ein Gesicht im Mond erkennt, sieht die japanische Tradition einen Hasen, der mit einem Holzhammer Reiskuchen stampft. Das Bild stammt aus einer buddhistischen Jataka-Erzählung, die das Konjaku Monogatari überliefert: Ein Hase, der einem hungrigen alten Mann nichts anderes zu bieten hatte, warf sich als Speise ins Feuer; der Alte, in Wahrheit eine Gottheit, versetzte ihn zum Dank für seine Selbstlosigkeit auf den Mond. In der chinesischen Fassung stampft der Hase das Elixier der Unsterblichkeit; in Japan wurde daraus ein Mörser für Mochi – ein Wortspiel, das oft mit mochizuki, „Vollmond“, in Verbindung gebracht wird.
Orte der Mondschau
Mehrere historische Stätten wurden eigens mit Blick auf den Mond angelegt und laden um Jugoya zu Mondabenden ein.
Tempel auf dem Gelände der Villa Kaiser Sagas; bei den Mondabenden Kangetsu no Yube treiben Boote mit Drachenköpfen auf dem Osawa-Teich.
Der Tempel, in dem Murasaki Shikibu der Überlieferung nach beim Anblick des Augustmondes über dem Biwa-See das Genji Monogatari begann.
Kaiserliche Villa Katsura, Kyoto
Villa aus dem 17. Jahrhundert mit einer Bambusplattform zur Mondschau und auf den Mond über dem Teich ausgerichteten Gebäuden.
Feiert in der Nacht von Jugoya ein Mittherbstfest mit Hofmusik und Tanz.
Häufige Fragen
Wann ist Tsukimi?
An Jugoya, der 15. Nacht des achten Monats im alten Lunisolarkalender, die zwischen Mitte September und Anfang Oktober liegt. Etwa einen Monat später folgt mit Jusan'ya eine zweite Mondnacht.
Ist Jugoya immer Vollmond?
Nicht ganz. Wegen der elliptischen Mondbahn kann der astronomische Vollmond ein bis zwei Tage nach Jugoya liegen, auch wenn der Mond stets fast voll erscheint.
Ist Tsukimi dasselbe wie das chinesische Mondfest?
Beide gehen auf dieselbe Mittherbstnacht zurück, doch Tsukimi ist ruhiger und kennt keine Mondkuchen; man opfert Reisklößchen, Chinaschilf und Herbstfrüchte. Die zweite Mondnacht Jusan'ya ist eine japanische Besonderheit.
Wo kann man als Besucher eine Mondschau erleben?
Tempel und Gärten in Kyoto und Otsu wie Daikaku-ji und Ishiyama-dera veranstalten um Jugoya Abendprogramme, ebenso viele Burgen und Gärten anderswo. Die Einzelheiten veröffentlichen die Stätten jeweils einige Wochen vorher.
Weiterlesen
Quellen
- 1.暦計算室 (öffnet in neuem Tab) — 国立天文台
- 2.日本の暦 (öffnet in neuem Tab) — 国立国会図書館
- 3.京都観光Navi (öffnet in neuem Tab) — 京都市観光協会