Künste
Bonsai
盆栽ぼんさいbonsaiEine Landschaft im Kleinen, über Jahrzehnte geformt
Bonsai ist die japanische Kunst, Bäume in flachen Schalen so zu ziehen und zu formen, dass sie einen ausgewachsenen Baum in der Natur heraufbeschwören. Aus dem chinesischen Penjing hervorgegangen und in Japan spätestens seit der Kamakura-Zeit bekannt, wurde es in der Edo-Zeit zur beliebten Liebhaberei und im 20. Jahrhundert zur anerkannten Kunstform.
Das Wort Bonsai verbindet bon, Schale oder flacher Topf, mit sai, pflanzen. Ein Bonsai ist keine genetische Zwergform, sondern ein gewöhnlicher Baum oder Strauch, der durch Wurzel- und Astschnitt, Drahten und ein begrenztes Gefäß klein gehalten wird. Stamm, Äste und Laub werden so gestaltet, dass sie den Charakter eines alten, von Wind und Zeit gezeichneten Baums andeuten. Gute Exemplare werden über Jahrzehnte gepflegt, manche berühmte Bäume über Generationen weitergegeben.
Die Praxis kam aus China, wo Miniaturlandschaften in Schalen (Penjing) spätestens seit der Tang-Dynastie gepflegt wurden. Topfbäume erscheinen auf japanischen Bildrollen der Kamakura-Zeit, etwa dem Kasuga Gongen Genki-e von 1309, und das Nō-Stück Hachi no Ki erzählt von einem verarmten Samurai, der seine geliebten Topfbäume verbrennt, um einen wandernden Mönch zu wärmen. In der Edo-Zeit verbreitete sich die Topfpflanzenkultur vom Kriegerstand zu den Städtern, und in der Meiji-Zeit erhielt Bonsai unter Politikern und Intellektuellen seine moderne, naturnähere Form.
Ästhetik
Ein Bonsai wird als Ganzes beurteilt: Baum, Schale und Präsentation. Ziel ist keine perfekte Miniatur, sondern der Eindruck von Alter und Natur auf kleinem Raum. Geschätzt werden ein kräftiger, sich verjüngender Stamm, ein sichtbarer Wurzelansatz, der den Boden umgreift (Nebari), und eine klare Schauseite. Totholz, durch Entrinden erzeugt – Jin an Ästen, Shari am Stamm –, erzählt von einem Baum, der Stürme und Blitzschlag überstanden hat.
Die Schale wird passend zum Baum gewählt: unglasierte braune oder graue Gefäße für Nadelbäume, glasierte farbige für Blüh- und Laubbäume. Bei Ausstellungen und in der Bildnische (Tokonoma) steht ein Bonsai oft zusammen mit einer Hängerolle und einer kleinen Begleitpflanze (Kusamono), die gemeinsam eine Jahreszeit andeuten. Die Ästhetik teilt vieles mit dem japanischen Garten und Ikebana: Asymmetrie, Zurückhaltung und jahreszeitlicher Wandel.
Nebari
根張りnebariSichtbarer Wurzelansatz am Stammfuß, der Standfestigkeit und Alter vermittelt.
Jin und Shari
神・舎利jin, shariSilbrig gebleichtes Totholz an Ästen (Jin) und am Stamm (Shari).
Kusamono
草物kusamonoGräser und Wildpflanzen in Schalen, die neben Bonsai als jahreszeitliche Akzente stehen.
Shohin
小品盆栽shōhin bonsaiKleine Bonsai, die in eine Hand passen, oft in Gruppen auf einem Gestell gezeigt.
Klassische Stilformen
Die Stilformen sind nach der Stammform und nach dem Wuchs in der Natur benannt – von der einzelnen Kiefer in der Ebene bis zum Baum, der sich an eine Felswand klammert. Sie sind eher ein Vokabular zur Beschreibung als ein starres Regelwerk.
Chokkan
直幹chokkanStreng aufrecht: gerader, sich verjüngender Stamm wie bei einem frei stehenden Baum.
Moyogi
模様木moyōgiFrei aufrecht: Stamm mit sanften Biegungen, die häufigste Form.
Shakan
斜幹shakanGeneigt: Der Stamm neigt sich, als hätten Wind oder Lichtsuche ihn geformt.
Kengai
懸崖kengaiKaskade: Der Stamm fällt unter den Schalenrand, wie ein Baum an einer Klippe.
Bunjingi
文人木bunjingiLiteratenstil: schlanker, sparsam belaubter Stamm nach dem Vorbild chinesischer Tuschmalerei.
Yose-ue
寄せ植えyose-ueGruppenpflanzung: mehrere Bäume in einer Schale, die einen Hain oder Wald andeuten.
Ishitsuki
石付きishitsukiPflanzung auf oder über einem Stein, dessen Formen die Wurzeln umklammern.
Techniken und Pflege
Ein Bonsai lebt in wenig, gut durchlässigem Substrat, oft auf Basis von Akadama, einem körnigen vulkanischen Ton. Er muss regelmäßig gegossen werden, im Sommer mitunter mehrmals täglich, und alle paar Jahre mit Wurzelschnitt umgetopft werden. Die meisten Bonsai sind Freilandbäume, die Sonne und den Wechsel der Jahreszeiten brauchen; Zimmerhaltung winterharter Arten ist eine häufige Ursache für Misserfolge.
Die Form entsteht durch Rückschnitt von Trieben und Ästen, Auskneifen des Neuaustriebs und Drahten, das die Äste in Position bringt; der Draht wird entfernt, bevor er einwächst. Viele Bäume stammen aus Baumschulware, Stecklingen oder Sämlingen; in der Natur gesammelte Bäume (Yamadori) werden für ihr natürliches Alter geschätzt.
Wo man Bonsai sieht
Das Bonsai-Dorf Omiya im Norden der Stadt Saitama wurde 1925 von Bonsai-Gärtnern gegründet, die Tokio nach dem Großen Kantō-Erdbeben von 1923 verlassen hatten. Mehrere Gärtnereien arbeiten dort bis heute, und das 2010 eröffnete Omiya Bonsai Art Museum, ein öffentliches Museum eigens für Bonsai, zeigt Bäume, Schalen und Rollbilder. Das Dorf war 1989 Gastgeber der ersten Bonsai-Weltkonferenz.
Die renommierteste Ausstellung ist die Kokufu-ten, die seit 1934 jeden Winter in Tokio stattfindet. Das Kaiserhaus pflegt eine Sammlung alter Bonsai im Kaiserpalast. Kinashi in Takamatsu (Präfektur Kagawa) gilt als Zentrum der Kiefernbonsai-Produktion und exportiert Bäume in alle Welt.
- 大宮盆栽村Ōmiya Bonsai-mura
Gärtnersiedlung in Saitama, 1925 gegründet; 1989 Gastgeber der ersten Bonsai-Weltkonferenz.
- 大宮盆栽美術館Ōmiya Bonsai Bijutsukan
Städtisches Museum, 2010 eröffnet, mit einem Garten voller Meisterbäume sowie Ausstellungen zu Geschichte und Präsentation.
Kokufu-ten
国風盆栽展Kokufū Bonsai-tenJapans führende Bonsai-Ausstellung, seit 1934 in Tokio.
- 鬼無Kinashi
Stadtteil von Takamatsu, bekannt für die Anzucht von Kiefernbonsai für In- und Ausland.
Bonsai in aller Welt
Im Westen wurden Bonsai seit dem späten 19. Jahrhundert auf Weltausstellungen bekannt und verbreiteten sich nach dem Zweiten Weltkrieg weit. Das japanische Wort ist heute international gebräuchlich, in Europa gibt es zahlreiche Vereine, Gärtnereien und Ausstellungen. Ein bekanntes Symbol dieses Austauschs ist eine Mädchenkiefer im National Bonsai & Penjing Museum in Washington: Sie überstand 1945 den Atombombenabwurf auf Hiroshima in der Gärtnerei der Familie Yamaki und wurde 1976 den Vereinigten Staaten geschenkt.
Zeitleiste
Tang-Dynastie
In China werden Miniaturlandschaften in Schalen (Penjing) gepflegt.
1309
Die Bildrolle Kasuga Gongen Genki-e zeigt Topfbäume in Japan.
Edo-Zeit
Topfpflanzen werden zur Liebhaberei von Städtern wie Samurai.
1925
Gründung des Bonsai-Dorfs Omiya im heutigen Saitama.
1934
Erste Kokufu-ten-Ausstellung in Tokio.
1989
Erste Bonsai-Weltkonferenz in Omiya.
2010
Eröffnung des Omiya Bonsai Art Museum.
Häufige Fragen
Sind Bonsai besondere Zwergbäume?
Nein. Bonsai sind gewöhnliche Baumarten, die durch Schnitt, Drahten, Wurzelschnitt und eine flache Schale klein gehalten werden. Ausgepflanzt würde derselbe Baum normal groß.
Kann man Bonsai in der Wohnung halten?
Klassische Bonsai wie Kiefern, Wacholder und Ahorn sind Freilandbäume und brauchen Sonne, frische Luft und Winterruhe. Nur tropische und subtropische Arten vertragen Zimmerhaltung – in mitteleuropäischen Wintern oft nur mit Pflanzenlampe.
Wie alt sind Bonsai?
Viele sind einige Jahrzehnte alt, manche berühmte Exemplare sollen mehrere Hundert Jahre alt sein. Wichtiger als das tatsächliche Alter ist der Eindruck von Alter.
Darf man einen Bonsai aus Japan mitbringen?
Lebende Pflanzen unterliegen den Pflanzenschutz- und Einfuhrbestimmungen des Ziellandes; die EU und die Schweiz beschränken die Einfuhr von Gehölzen mit Erde aus Drittländern stark. Vor dem Kauf sollten die Vorschriften geprüft werden.
Wo sieht man in Japan die schönsten Bonsai?
Im Bonsai-Dorf Omiya und im Omiya Bonsai Art Museum in Saitama sowie im Winter bei der Kokufu-ten in Tokio.
Weiterlesen
Quellen
- 1.さいたま市大宮盆栽美術館 (öffnet in neuem Tab) — Omiya Bonsai Art Museum, Saitama
- 2.さいたま市 (öffnet in neuem Tab) — Saitama City
- 3.National Bonsai & Penjing Museum (öffnet in neuem Tab) — National Bonsai Foundation (US National Arboretum)
- 4.Japan National Tourism Organization (öffnet in neuem Tab) — JNTO