Zum Inhalt springen
Japan

Daten & Fakten

Gesellschaft in Japan

日本の社会にほんのしゃかいNihon no shakai

Eine alternde Stadtgesellschaft zwischen Brauch und Wandel

Die japanische Gesellschaft ist stark verstädtert, langlebig und altert schneller als fast jede andere: Seit Ende der 2000er-Jahre schrumpft die Bevölkerung, während der Anteil älterer Menschen weiter steigt. Das Bildungsniveau ist hoch, Religion wird eher als Brauch denn als Bekenntnis gelebt, und indigene, historische wie neue Minderheiten werden sichtbarer.

Rasche Industrialisierung, Nachkriegswohlstand und eine lange Phase niedriger Geburtenzahlen haben Japans Gesellschaft geprägt. Auf die Babybooms der späten 1940er- und frühen 1970er-Jahre folgte ein stetiger Rückgang der Geburten, während die Lebenserwartung zu den höchsten der Welt aufstieg. Die Bevölkerung erreichte Ende der 2000er-Jahre ihren Höchststand und schrumpft seither um mehrere Hunderttausend Menschen im Jahr – am schnellsten auf dem Land.

Zugleich sind die Haushalte kleiner geworden, mehr Frauen sind erwerbstätig, und ausländische Einwohner prägen Städte und Fabriken sichtbar mit. Viele ältere Normen – lebenslange Anstellung, klare Geschlechterrollen, das Selbstbild der Homogenität – werden neu verhandelt.

Bevölkerung und Alterung

Japans Gesamtbevölkerung erreichte um 2008 ihren Höhepunkt und ist seither jedes Jahr zurückgegangen. Die Geburtenzahl hat Rekordtiefs erreicht, die Geburtenrate liegt seit Langem weit unter dem Bestandserhaltungsniveau. Mehr als jeder Vierte ist 65 Jahre oder älter, und die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter schrumpft seit den 1990er-Jahren.

Die Folgen reichen in alle Lebensbereiche: steigende Renten- und Gesundheitskosten, Arbeitskräftemangel in Pflege, Bau und Logistik, Schulschließungen und leerstehende Häuser (akiya) auf dem Land. Die Politik reagiert mit Familienförderung, längeren Erwerbsbiografien, Automatisierung und einer weiteren Öffnung für ausländische Arbeitskräfte. Die Bevölkerung konzentriert sich zunehmend auf Tokio und die anderen Ballungsräume.

  • Superalternde Gesellschaft

    超高齢社会chō-kōrei shakai

    Bezeichnung für einen Anteil der über 65-Jährigen von mehr als 21 %, eine Schwelle, die Japan in den 2000er-Jahren überschritt.

  • Geburtenrückgang

    少子化shōshika

    Sinkende Geburtenzahlen, eines der zentralen politischen Themen der letzten Jahrzehnte.

  • Akiya

    空き家akiya

    Leerstehende Häuser, zunehmend verbreitet in ländlichen Gebieten und Kleinstädten.

Haushalte und Familie

Der Mehrgenerationenhaushalt mit drei Generationen unter einem Dach, früher auf dem Land verbreitet, ist weitgehend Kleinfamilien, Paaren und Alleinlebenden gewichen. Einpersonenhaushalte sind heute der häufigste Haushaltstyp – junge Berufstätige in den Städten ebenso wie eine wachsende Zahl allein lebender älterer Menschen.

Geheiratet wird später und seltener als früher, Geburten außerhalb der Ehe sind nach wie vor selten. Das Familienrecht verlangt, dass Eheleute einen gemeinsamen Familiennamen führen, in der Praxis meist den des Mannes; ob getrennte Namen erlaubt werden sollen, wird seit Langem öffentlich diskutiert.

Bildung

Das Schulsystem folgt dem Muster 6-3-3-4: Sechs Jahre Grundschule und drei Jahre Mittelschule sind Pflicht; es folgen drei Jahre Oberschule, die fast alle Jugendlichen besuchen, und für die Mehrheit der Schulabgänger ein vierjähriges Hochschulstudium. Das Schuljahr beginnt im April.

Aufnahmeprüfungen für Oberschulen und Universitäten waren traditionell entscheidend und haben einen großen Markt privater Nachhilfeschulen (juku) entstehen lassen. Zum Schulalltag gehören außerdem Putzdienste, Clubaktivitäten und Schulfeste; Schuluniformen sind weit verbreitet.

  • Juku

    塾juku

    Private Nachhilfeschulen, besonders zur Vorbereitung auf Aufnahmeprüfungen.

  • Clubaktivitäten

    部活動bukatsudō

    Sport- und Kulturclubs, die im Schulleben eine große Rolle spielen.

  • Japanisch lernen

    Wie man als Ausländer die Sprache lernt.

Arbeitskultur

Große japanische Unternehmen stellten traditionell jeden April Hochschulabsolventen in großer Zahl ein, bildeten sie intern aus und beschäftigten sie bis zur Rente, mit Gehältern nach Betriebszugehörigkeit und einer starken Betriebsgewerkschaft. Dieses Modell der lebenslangen Anstellung prägt Großunternehmen und öffentlichen Dienst bis heute, doch ein großer Teil der Beschäftigten arbeitet inzwischen in Teilzeit, befristet oder als Leiharbeitskraft.

Lange Arbeitszeiten und unbezahlte Überstunden wurden unter dem Begriff karōshi, Tod durch Überarbeitung, zum gesellschaftlichen Thema. Die seit 2019 geltenden Gesetze zur Arbeitsstilreform begrenzen Überstunden und verpflichten zu einem Mindestmaß an bezahltem Urlaub. Teamarbeit, Konsensfindung und sorgfältige Umgangsformen bleiben zentral im Büroalltag.

  • Lebenslange Anstellung

    終身雇用shūshin koyō

    Langfristige Beschäftigung bei einem Unternehmen, typisch für Großunternehmen.

  • Karōshi

    過労死karōshi

    Tod durch Überarbeitung, amtlich als Berufsrisiko anerkannt.

  • Arbeiten in Japan

    Verträge, Arbeitsrecht und Arbeitskultur für Ausländer.

  • Geschäftsetikette

    Besprechungen, Hierarchie und Kommunikation im Beruf.

Religion im Alltag

Die meisten Japaner bezeichnen sich nicht als religiös, und doch ist religiöse Praxis in Kalender und Lebensstationen verwoben. Shinto und Buddhismus bestehen nebeneinander: Schreine besucht man zu Neujahr, zu Festen, zu Übergangsriten der Kinder und für Segnungen, während buddhistische Tempel die meisten Begräbnisse und Totengedenkfeiern ausrichten. Ein verbreitetes Sprichwort sagt, Japaner würden shintoistisch geboren und buddhistisch sterben; viele Hochzeiten folgen christlich anmutenden Zeremonien.

Weil Schreine und Tempel ihre Anhänger jeweils selbst melden, weist die amtliche Religionsstatistik mehr Mitglieder aus, als Japan Einwohner hat. Die Verfassung garantiert Religionsfreiheit und die Trennung von Religion und Staat. Christen machen etwa ein Prozent der Bevölkerung aus; daneben sind zahlreiche neuere Religionsgemeinschaften aktiv.

Minderheiten

Japan gilt oft als ethnisch homogen, doch dieses Bild verdeckt mehrere Minderheiten. Die Ainu, die indigene Bevölkerung Hokkaidos, wurden 2008 per Parlamentsbeschluss und 2019 per Gesetz als indigenes Volk anerkannt. Die Menschen auf Okinawa und den Ryukyu-Inseln, bis 1879 ein eigenes Königreich, haben eigene Sprachen und eine eigene Kultur. Zainichi-Koreaner, viele von ihnen Nachfahren von Menschen, die während der Kolonialzeit nach Japan kamen oder gebracht wurden, leben seit Generationen im Land, oft mit einem besonderen Daueraufenthaltsstatus; eine kleinere chinesische Gemeinschaft hat ähnliche Wurzeln.

Die Burakumin, Nachfahren ausgegrenzter Gruppen der Edo-Zeit, erfahren trotz rechtlicher Gleichstellung Diskriminierung. Seit den 1990er-Jahren ist die Zahl ausländischer Einwohner aus China, Vietnam, Südkorea, den Philippinen, Brasilien, Nepal und anderen Ländern gewachsen, und neue Visakategorien für Fachkräfte haben die Arbeitsmigration ausgeweitet.

  • Ainu

    アイヌAinu

    Indigenes Volk auf Hokkaido, Sachalin und den Kurilen.

  • Ryukyuer

    Bevölkerung Okinawas und der Ryukyu-Inseln, Erben des Ryukyu-Königreichs.

  • Zainichi-Koreaner

    在日コリアンZainichi Korian

    Alteingesessene koreanische Gemeinschaft, viele mit besonderem Daueraufenthaltsrecht.

  • Ausländische Einwohner

    Aufenthaltsstatus und Aufenthaltskarte.

Gleichstellung

Die Erwerbstätigkeit von Frauen ist stark gestiegen, und seit dem Gesetz über Chancengleichheit im Beruf von 1985 gilt Gleichbehandlung bei der Einstellung. Dennoch schneidet Japan in internationalen Gleichstellungsvergleichen unter den Industrieländern schlecht ab – vor allem, weil Frauen in Politik und Führungspositionen unterrepräsentiert sind und ein deutliches Lohngefälle besteht. Viele Frauen verlassen nach der Geburt eines Kindes die reguläre Beschäftigung und kehren in Teilzeit zurück.

Das Gleichstellungsbüro der Regierung setzt Zielwerte für Frauen in Führungspositionen, und Unternehmen müssen Daten zu Lohnlücke und Aufstieg von Frauen veröffentlichen. Väter nehmen Elternzeit zunehmend, aber noch weit seltener als Mütter.

  • Gesetz über Chancengleichheit im Beruf

    男女雇用機会均等法Danjo Koyō Kikai Kintō Hō

    Gesetz von 1985 gegen Geschlechterdiskriminierung im Beruf, mehrfach verschärft.

Häufige Fragen

Warum schrumpft Japans Bevölkerung?

Die Geburtenzahlen liegen seit Jahrzehnten weit unter dem Bestandserhaltungsniveau, während mit der Alterung die Sterbefälle zunehmen; Zuwanderung gleicht die Differenz nicht aus.

Welcher Religion gehören die meisten Japaner an?

Die meisten verbinden shintoistische und buddhistische Praktiken – Schreinbesuch zu Neujahr, buddhistische Bestattung –, ohne sich als besonders religiös zu verstehen. Christen machen etwa ein Prozent aus.

Ist Japan ethnisch homogen?

Weitgehend, aber nicht vollständig. Ainu, Ryukyuer, Zainichi-Koreaner und eine wachsende Zahl ausländischer Einwohner bilden Minderheiten mit eigener Geschichte und Kultur.

Wie ist das japanische Schulsystem aufgebaut?

Nach dem Muster 6-3-3-4: sechs Jahre Grundschule und drei Jahre Mittelschule (Pflicht), drei Jahre Oberschule und vier Jahre Universität. Anders als in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es keine frühe Aufteilung auf verschiedene Schulformen.

Arbeiten Japaner wirklich so lange?

Lange Arbeitszeiten waren jahrzehntelang verbreitet, besonders in Großunternehmen. Reformen seit 2019 begrenzen Überstunden und schreiben bezahlten Urlaub vor; die durchschnittliche Arbeitszeit ist gesunken, Überarbeitung bleibt aber in manchen Branchen ein Problem.

Quellen

  1. 1.人口推計 (öffnet in neuem Tab) — Statistics Bureau of Japan (総務省統計局)
  2. 2.令和2年国勢調査 (öffnet in neuem Tab) — Statistics Bureau of Japan (総務省統計局)
  3. 3.厚生労働省 (öffnet in neuem Tab) — Ministry of Health, Labour and Welfare
  4. 4.出入国在留管理庁 (öffnet in neuem Tab) — Immigration Services Agency of Japan
  5. 5.文部科学省 (öffnet in neuem Tab) — Ministry of Education, Culture, Sports, Science and Technology
  6. 6.男女共同参画局 (öffnet in neuem Tab) — Gender Equality Bureau, Cabinet Office

Redaktion · Veröffentlicht: