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Japan

Künste

Japanische Literatur

日本文学にほんぶんがくNihon bungaku

Hoftagebücher, Haiku und der moderne Roman

Die japanische Literatur umspannt dreizehn Jahrhunderte – von der Lyrik des Man'yōshū und dem Genji-Monogatari, oft als erster Roman der Welt bezeichnet, bis zu modernen Autoren wie Natsume Sōseki, den Nobelpreisträgern Kawabata Yasunari und Ōe Kenzaburō und dem weltweit gelesenen Murakami Haruki.

Die japanische Literatur beginnt mit der Übernahme der chinesischen Schrift. Die ältesten erhaltenen Werke, die Chroniken Kojiki (712) und Nihon Shoki (720), halten Mythen und Geschichte fest; das im späten 8. Jahrhundert zusammengestellte Man'yōshū versammelt rund 4.500 Gedichte von Kaisern, Höflingen, Soldaten und einfachen Leuten. Mit den Kana-Silbenschriften der Heian-Zeit ließ sich Japanisch so schreiben, wie es gesprochen wurde, und die Frauen des Hofes schufen damit eine Literatur aus Tagebüchern, Essays und Erzählungen, die zu den Klassikern der Weltliteratur zählt.

Spätere Jahrhunderte brachten Kriegsepen, buddhistische Essays, das Nō-Drama, die Haiku-Dichtung sowie die Unterhaltungsliteratur und Puppenspiele der Edo-Zeit hervor. Ab der Meiji-Zeit nahmen Schriftsteller den europäischen Realismus auf und schufen den modernen japanischen Roman; im 20. Jahrhundert wurde die japanische Literatur durch Übersetzungen Teil der Weltliteratur.

Klassische Literatur

Der Heian-Hof (794–1185) erlebte das goldene Zeitalter der japanischen Prosa. Murasaki Shikibus Genji-Monogatari aus dem frühen 11. Jahrhundert folgt in mehr als fünfzig Kapiteln Lieben und Verlusten des „strahlenden Prinzen“ Genji und seiner Nachkommen und gilt oft als erster Roman der Welt; auf Deutsch liegt es unter anderem als „Die Geschichte vom Prinzen Genji“ in der Übersetzung von Oscar Benl vor. Ihre Zeitgenossin Sei Shōnagon schrieb das Kopfkissenbuch, geistreiche Listen und Beobachtungen aus dem Hofleben, mit dem sie die Gattung Zuihitsu (Aufzeichnungen „dem Pinsel folgend“) begründete. Die kaiserliche Gedichtsammlung Kokinshū (um 905) prägte den Kanon der Waka-Dichtung für Jahrhunderte.

Das Zeitalter der Krieger brachte die Geschichte der Heike hervor, das Epos des Genpei-Krieges, das blinde Mönche zur Biwa vortrugen, sowie nachdenkliche Essays wie Kamo no Chōmeis Hōjōki (1212) und Yoshida Kenkōs Betrachtungen aus der Stille (Tsurezuregusa), durchdrungen vom buddhistischen Gedanken der Vergänglichkeit (Mujō).

  • Man'yoshu

    万葉集Man'yōshū

    Älteste Gedichtanthologie, spätes 8. Jahrhundert, rund 4.500 Gedichte; Quelle des Äranamens Reiwa.

  • Genji-Monogatari

    源氏物語Genji Monogatari

    Höfischer Roman von Murasaki Shikibu, frühes 11. Jahrhundert.

  • Das Kopfkissenbuch

    枕草子Makura no Sōshi

    Sei Shōnagons Sammlung von Beobachtungen, Listen und Anekdoten, um das Jahr 1000.

  • Die Geschichte der Heike

    平家物語Heike Monogatari

    Kriegsepos vom Untergang des Taira-Clans, das mit der Glocke von Gion Shōja beginnt.

  • Hojoki

    方丈記Hōjōki

    Kamo no Chōmeis Essay von 1212 über Katastrophen und das Leben eines Einsiedlers in einer winzigen Hütte.

Literatur der Edo-Zeit

Buchdruck und eine wachsende städtische Leserschaft ließen in der Edo-Zeit eine kommerzielle Literatur entstehen. Ihara Saikaku schrieb pointierte Geschichten über Kaufleute und Liebende, Chikamatsu Monzaemon die großen Stücke des Bunraku-Puppentheaters, darunter seine Tragödien des Doppelselbstmords aus Liebe. Matsuo Bashō erhob den kurzen Haikai-Vers zur hohen Kunst; sein Reisetagebuch Oku no Hosomichi – auf Deutsch etwa „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“ – beruht auf einer Reise von 1689 und verbindet Prosa und Haiku. Illustrierte Volksbücher, komische Erzählungen und lange Abenteuerromane wie Takizawa Bakins Hakkenden unterhielten ein breites Publikum.

  • Matsuo Basho

    松尾芭蕉Matsuo Bashō

    Haiku-Meister, Autor von Oku no Hosomichi.

  • Chikamatsu Monzaemon

    近松門左衛門Chikamatsu Monzaemon

    Dramatiker für Bunraku und Kabuki, oft „Japans Shakespeare“ genannt.

  • Ihara Saikaku

    井原西鶴Ihara Saikaku

    Autor von Ukiyo-zōshi, Geschichten aus der „fließenden Welt“ der Städter Osakas.

Moderne Literatur

Die Schriftsteller der Meiji-Zeit entwickelten eine moderne, der gesprochenen Sprache nahe Prosa. Natsume Sōseki, dessen Porträt lange den 1.000-Yen-Schein zierte, erkundete die Vereinsamung des modernen Menschen in Ich der Kater (1905), Botchan (1906) und Kokoro (1914); Mori Ōgai, der in Deutschland Medizin studiert hatte, verarbeitete diese Zeit in der Erzählung Die Tänzerin. Akutagawa Ryūnosuke schrieb Kurzgeschichten wie Rashōmon und Im Dickicht, die Vorlage für Kurosawas Film; der 1935 gestiftete Akutagawa-Preis für junge Autoren trägt seinen Namen.

Kawabata Yasunari, Autor von Schneeland und Ein Kirschbaum im Winter, erhielt 1968 als erster Japaner den Literaturnobelpreis. Tanizaki Jun'ichirō schrieb Die Schwestern Makioka und den Essay Lob des Schattens, Dazai Osamus Gezeichnet ist bis heute ein Bestseller. Mishima Yukio, Autor von Der Tempelbrand und der Tetralogie Das Meer der Fruchtbarkeit, nahm sich 1970 nach einem gescheiterten Putschversuch das Leben. Ōe Kenzaburō, der über seinen behinderten Sohn, über Hiroshima und die Nachkriegsgesellschaft schrieb, erhielt 1994 den Nobelpreis.

  • Natsume Soseki

    夏目漱石Natsume Sōseki

    Ich der Kater, Botchan, Kokoro; der prägende Romancier der Meiji-Zeit.

  • Kawabata Yasunari

    川端康成Kawabata Yasunari

    Nobelpreis 1968; Die Tänzerin von Izu, Schneeland, Tausend Kraniche.

  • Mishima Yukio

    三島由紀夫Mishima Yukio

    Geständnis einer Maske, Der Tempelbrand; gestorben 1970.

  • Oe Kenzaburo

    大江健三郎Ōe Kenzaburō

    Nobelpreis 1994; Eine persönliche Erfahrung, Der stumme Schrei, Hiroshima-Notizen.

  • Tanizaki Jun'ichiro

    谷崎潤一郎Tanizaki Jun'ichirō

    Die Schwestern Makioka und der ästhetische Essay Lob des Schattens.

Gegenwartsliteratur

Murakami Haruki, dessen Romane Naokos Lächeln (Norwegian Wood, 1987), Mister Aufziehvogel und 1Q84 umfassen, ist der meistübersetzte japanische Autor seiner Generation und verbindet den Tokioter Alltag mit dem Surrealen. Im deutschsprachigen Raum wurde er auch durch einen Streit bekannt: Im Jahr 2000 zerbrach am Roman Gefährliche Geliebte das Literarische Quartett in seiner ursprünglichen Besetzung, als Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler heftig aneinandergerieten; das Buch war damals aus dem Englischen übersetzt worden, spätere Ausgaben übertrug Ursula Gräfe direkt aus dem Japanischen. Yoshimoto Bananas Kitchen (1988) wurde in Japan und im Ausland zum Phänomen.

Seither treten besonders Autorinnen hervor: Ogawa Yōko, Kawakami Hiromi, Kawakami Mieko, Murata Sayaka, deren Die Ladenhüterin 2016 den Akutagawa-Preis gewann, und Tawada Yōko, die in Berlin lebt und auf Japanisch wie auf Deutsch schreibt; sie erhielt 2016 den Kleist-Preis. Unterhaltungsliteratur, Krimis, Science-Fiction, Light Novels und die Manga-Industrie erreichen ein riesiges Publikum. Viele Klassiker, etwa von Sōseki und Akutagawa, sind in der digitalen Bibliothek Aozora Bunko frei zugänglich.

  • Murakami Haruki

    村上春樹Murakami Haruki

    Naokos Lächeln, Kafka am Strand, 1Q84; auf Deutsch vor allem von Ursula Gräfe übersetzt.

  • Yoshimoto Banana

    吉本ばななYoshimoto Banana

    Kitchen (1988), ein Bestseller, der eine neue Stimme der späten Shōwa-Zeit prägte.

  • Murata Sayaka

    村田沙耶香Murata Sayaka

    Die Ladenhüterin, Akutagawa-Preis 2016.

  • Tawada Yoko

    多和田葉子Tawada Yōko

    Schreibt auf Japanisch und Deutsch, lebt in Berlin; Kleist-Preis 2016.

Zeitleiste

  1. 712

    Vollendung des Kojiki, des ältesten erhaltenen Buchs Japans.

  2. spätes 8. Jh.

    Das Man'yōshū wird zusammengestellt.

  3. frühes 11. Jh.

    Murasaki Shikibu schreibt das Genji-Monogatari.

  4. 1689

    Bashō bricht zu der Reise auf, die er in Oku no Hosomichi beschreibt.

  5. 1905

    Natsume Sōseki beginnt Ich der Kater.

  6. 1935

    Gründung des Akutagawa- und des Naoki-Preises.

  7. 1968

    Kawabata Yasunari erhält den Literaturnobelpreis.

  8. 1994

    Ōe Kenzaburō erhält den Literaturnobelpreis.

Häufige Fragen

Ist das Genji-Monogatari wirklich der erste Roman?

Es wird wegen seines Umfangs, seiner psychologischen Tiefe und durchgehenden Erzählung oft als erster Roman der Welt bezeichnet. Das hängt von der Definition des Romans ab – als Klassiker der Weltliteratur ist es unbestritten.

Welche japanischen Schriftsteller haben den Nobelpreis erhalten?

Kawabata Yasunari 1968 und Ōe Kenzaburō 1994. Kazuo Ishiguro, Preisträger 2017, wurde in Nagasaki geboren, ist aber ein britischer Autor, der auf Englisch schreibt.

Womit beginnt man am besten mit japanischer Literatur?

Gute Einstiege sind Sōsekis Kokoro, Kawabatas Schneeland, Tanizakis Lob des Schattens, Murakamis Naokos Lächeln und Muratas Die Ladenhüterin – alle auf Deutsch erhältlich.

Gibt es japanische Autoren, die auf Deutsch schreiben?

Ja, vor allem Tawada Yōko, die seit den 1980er-Jahren in Deutschland lebt und Romane, Erzählungen und Gedichte in beiden Sprachen veröffentlicht.

Was ist der Akutagawa-Preis?

Japans angesehenster Preis für neue literarische Prosa, 1935 gestiftet und zweimal jährlich vergeben. Der gleichzeitig gegründete Naoki-Preis ehrt Unterhaltungsliteratur.

Quellen

  1. 1.The Nobel Prize in Literature 1968 – Yasunari Kawabata (öffnet in neuem Tab) — Nobel Prize Outreach
  2. 2.The Nobel Prize in Literature 1994 – Kenzaburo Oe (öffnet in neuem Tab) — Nobel Prize Outreach
  3. 3.国立国会図書館 (öffnet in neuem Tab) — National Diet Library
  4. 4.青空文庫 (öffnet in neuem Tab) — Aozora Bunko
  5. 5.The Japan Foundation (öffnet in neuem Tab) — The Japan Foundation

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