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Japan

Künste

Japanische Architektur

建築けんちくkenchiku

Holz, Licht und Raum, von Ise bis Naoshima

Japans Architektur reicht von ohne Nägel errichteten Holzschreinen, Tempeln und Bauernhäusern bis zu einigen der einflussreichsten Bauten der Moderne. Zwischen 1987 und 2024 ging der Pritzker-Preis achtmal nach Japan und ehrte neun Architekten – mehr Preisträger als aus jedem anderen Land.

Traditionelle japanische Architektur ist Holzarchitektur. Pfosten-Riegel-Konstruktionen tragen das Dach, die Wände sind leichte Wandschirme, Schiebetüren (Fusuma) und papierbespannte Shōji, die sich öffnen lassen, um Räume zu verbinden und Innen und Garten ineinander übergehen zu lassen. Weit auskragende Dachtraufen schützen vor Regen und Sommersonne, die Gebäude stehen erhöht über feuchtem Boden, und flexible Holzverbindungen helfen, Erdbeben zu überstehen. Mit dem Buddhismus kam im 6. Jahrhundert der kontinentale Tempelbau nach Japan; in den folgenden Jahrhunderten formten japanische Baumeister daraus eigene Stile.

Ab der Meiji-Zeit übernahm Japan westliche Bauweisen und Backstein, Naturstein, Stahl und Beton. Nach dem Zweiten Weltkrieg stiegen japanische Architekten zu international führenden Gestalten auf. Sie verbanden die Moderne mit Ideen aus dem traditionellen Raumverständnis: modulare Raster, das Spiel von Licht und Schatten, die Durchlässigkeit zwischen Innen und Außen und ein sorgfältiger Umgang mit Materialien.

Schreine und Tempel

Shintō-Schreine bewahren einige der ältesten Bauformen. Der Große Schrein von Ise wird alle zwanzig Jahre auf einem benachbarten Grundstück in identischer Form neu errichtet (Shikinen Sengū); so hat sich der Shinmei-zukuri-Stil aus schlichtem Zypressenholz, Strohdach und gekreuzten Giebelhölzern über weit mehr als ein Jahrtausend erhalten. Buddhistische Tempel brachten geschwungene Ziegeldächer, Konsolensysteme und kräftige Farben. Die Hallen und die Pagode des Hōryū-ji sind die ältesten erhaltenen Holzbauten der Welt, und die Halle des Großen Buddha im Tōdai-ji in Nara war lange das größte Holzgebäude der Welt.

Spätere Epochen schufen die Phönixhalle des Byōdō-in (1053), die strengen Zen-Tempel der Kamakura-Zeit und den reich geschnitzten, lackierten Tōshōgū in Nikkō, den Schrein des ersten Tokugawa-Shōguns.

  • Shinmei-zukuri

    神明造shinmei-zukuri

    Alter Schreinstil mit Satteldach und erhöhtem Boden, vertreten durch Ise Jingū.

  • Taisha-zukuri

    大社造taisha-zukuri

    Schreinstil mit Eingang an der Giebelseite, vertreten durch Izumo Taisha.

  • Horyu-ji

    法隆寺Hōryū-ji

    Tempel bei Nara mit den ältesten erhaltenen Holzbauten der Welt.

  • Byodo-in

    平等院Byōdō-in

    Phönixhalle von 1053 in Uji, ein berühmtes Beispiel der Architektur des Reinen Landes.

  • Gongen-zukuri

    権現造gongen-zukuri

    Schreinanlage, die Gebets- und Haupthalle verbindet, wie beim Tōshōgū in Nikkō.

Paläste, Wohnhäuser und Teeräume

Die Adelsresidenzen der Heian-Zeit folgten dem Shinden-zukuri-Stil mit durch Gänge verbundenen Hallen rund um einen Gartenteich. In der Muromachi-Zeit brachte der Shoin-zukuri-Stil Elemente hervor, die japanische Räume bis heute prägen: vollständig mit Tatami ausgelegte Böden, die Bildnische Tokonoma, versetzte Wandregale und ein eingebautes Schreibpult. Der Teeraum führte eine ländliche Schlichtheit ein, aus der der Sukiya-zukuri-Stil hervorging – der Stil der Kaiserlichen Villa Katsura in Kyoto, deren Klarheit in den 1930er-Jahren moderne Architekten wie Bruno Taut begeisterte.

Bauernhäuser (Minka) unterscheiden sich je nach Region: steile Strohdächer im Gasshō-zukuri-Stil in den schneereichen Bergen von Shirakawa-gō und Gokayama, L-förmige Magariya in Iwate. In den Städten wohnten Kaufleute in Machiya, schmalen und tiefen Stadthäusern mit Laden zur Straße, in Kyoto „Aalbetten“ genannt, während Speicherhäuser (Kura) mit dicken Putzwänden die Waren vor Feuer schützten.

  • Shoin-zukuri

    書院造shoin-zukuri

    Wohnstil von Kriegern und Mönchen, Ursprung des Tatami-Raums mit Tokonoma.

  • Sukiya-zukuri

    数寄屋造sukiya-zukuri

    Verfeinerter, ungezwungener Stil nach dem Vorbild des Teehauses, etwa in der Villa Katsura.

  • Gassho-zukuri

    合掌造りgasshō-zukuri

    Bauernhäuser mit steilen Strohdächern, die an zum Gebet gefaltete Hände erinnern.

  • Machiya

    町家machiya

    Stadthäuser von Kaufleuten und Handwerkern, schmal zur Straße und tief nach hinten.

  • Kura

    蔵kura

    Feuerfeste Speicherhäuser mit dicken Lehmwänden, erhalten etwa in Kawagoe und Kurashiki.

Burgen

Japans Burgen entwickelten sich im späten 16. Jahrhundert rasch, als Kriegsherren Zitadellen mit Steinmauern und mehrgeschossigen Haupttürmen (Tenshu) errichteten. Viele wurden nach 1873 abgerissen oder im Zweiten Weltkrieg zerstört; zwölf Haupttürme sind aus der Zeit vor der Meiji-Ära erhalten, fünf davon sind Nationalschätze. Zahlreiche weitere wurden rekonstruiert, oft in Beton.

  • Burg Himeji

    姫路城Himeji-jō

    Größte original erhaltene Burganlage, seit 1993 Welterbe.

  • Burg Matsumoto

    松本城Matsumoto-jō

    Nationalschatz mit schwarz verkleidetem Hauptturm in der Ebene von Matsumoto.

  • Burg Hikone

    彦根城Hikone-jō

    Nationalschatz mit Blick auf den Biwa-See.

  • Burg Inuyama

    犬山城Inuyama-jō

    Nationalschatz auf einem Hügel über dem Kiso-Fluss.

  • Burg Matsue

    松江城Matsue-jō

    Seit 2015 Nationalschatz.

Von der Meiji-Zeit bis in die Nachkriegszeit

Die Meiji-Regierung holte ausländische Architekten ins Land, darunter den Engländer Josiah Conder, der die erste Generation japanischer Architekten ausbildete. Sein Schüler Tatsuno Kingo entwarf den Backsteinbau des Tokioter Hauptbahnhofs (1914). Frank Lloyd Wrights Imperial Hotel von 1923 überstand im selben Jahr das Große Kantō-Erdbeben; seine Eingangshalle steht heute im Freilichtmuseum Meiji Mura bei Inuyama. Le Corbusiers Nationalmuseum für westliche Kunst wurde 1959 in Tokio eröffnet.

Tange Kenzō prägte die Nachkriegszeit mit dem Friedensmuseum in Hiroshima (1955) und den Hängedächern der Nationalen Yoyogi-Sporthalle für die Olympischen Spiele 1964 in Tokio. Um 1960 begründete eine Gruppe jüngerer Architekten den Metabolismus, der Städte als Organismen aus austauschbaren Einheiten dachte; Kurokawa Kishōs Nakagin Capsule Tower (1972) wurde zu seiner Ikone und 2022 abgebaut.

Zeitgenössische Architekten

Seit den 1970er-Jahren stehen japanische Architekten an der Spitze der Weltarchitektur. Andō Tadao, Autodidakt und früherer Boxer, wurde mit glattem Sichtbeton, Wasser und Licht bekannt, etwa mit der Kirche des Lichts bei Osaka und den Museen auf Naoshima. SANAA (Sejima Kazuyo und Nishizawa Ryūe) entwirft leichte, transparente Bauten wie das 21st Century Museum of Contemporary Art in Kanazawa. Kuma Kengo arbeitet mit Holz und feinen, geschichteten Elementen, darunter das Nationalstadion für die Spiele Tokio 2020.

Der Pritzker-Preis, oft „Nobelpreis der Architektur“ genannt, hat mehr japanische Architekten ausgezeichnet als Architekten jeder anderen Nationalität.

  • Tange Kenzo

    丹下健三Tange Kenzō

    Pritzker-Preis 1987; Friedenspark Hiroshima, Yoyogi-Sporthalle, Tokioter Rathaus.

  • Maki Fumihiko

    槇文彦Maki Fumihiko

    Pritzker-Preis 1993; Hillside Terrace in Tokio, ab 1969 in Etappen gebaut.

  • Ando Tadao

    安藤忠雄Andō Tadao

    Pritzker-Preis 1995; Kirche des Lichts, Chichu Art Museum auf Naoshima (2004).

  • SANAA

    妹島和世・西沢立衛Sejima Kazuyo, Nishizawa Ryūe

    Pritzker-Preis 2010; 21st Century Museum of Contemporary Art, Kanazawa (2004).

  • Ito Toyo

    伊東豊雄Itō Toyoo

    Pritzker-Preis 2013; Mediathek Sendai (2001).

  • Ban Shigeru

    坂茂Ban Shigeru

    Pritzker-Preis 2014; bekannt für Papierrohr-Konstruktionen und Notunterkünfte nach Katastrophen.

  • Isozaki Arata

    磯崎新Isozaki Arata

    Pritzker-Preis 2019; Art Tower Mito und zahlreiche Bauten im Ausland.

  • Yamamoto Riken

    山本理顕Yamamoto Riken

    Pritzker-Preis 2024; Wohn- und öffentliche Bauten, die auf Gemeinschaft ausgerichtet sind.

  • Kuma Kengo

    隈研吾Kuma Kengo

    Architekt mit Schwerpunkt Holz; Nationalstadion in Tokio (2019).

Zeitleiste

  1. spätes 7. Jh.

    Die heutigen Hallen des Hōryū-ji entstehen.

  2. 1053

    Fertigstellung der Phönixhalle des Byōdō-in in Uji.

  3. 1609

    Der Hauptturm der Burg Himeji wird in seiner heutigen Form vollendet.

  4. 1914

    Tatsuno Kingos Tokioter Hauptbahnhof wird eröffnet.

  5. 1964

    Tange Kenzōs Yoyogi-Sporthalle entsteht für die Olympischen Spiele in Tokio.

  6. 1987

    Tange erhält als erster Japaner den Pritzker-Preis.

  7. 2019

    Kuma Kengos Nationalstadion wird fertiggestellt.

  8. 2024

    Yamamoto Riken wird Japans achter Pritzker-Preisträger.

Häufige Fragen

Warum wurde in Japan traditionell mit Holz gebaut?

Holz war reichlich vorhanden, passt zu den heißen, feuchten Sommern und bewährt sich bei Erdbeben, weil flexible Verbindungen Bewegungen aufnehmen. Das Zimmermannshandwerk lebt bei der Restaurierung von Schreinen und Tempeln fort.

Welches ist das älteste Holzgebäude der Welt?

Die Haupthalle und die fünfstöckige Pagode des Hōryū-ji bei Nara aus dem späten 7. Jahrhundert gelten als die ältesten erhaltenen Holzbauten der Welt.

Welche japanischen Architekten haben den Pritzker-Preis gewonnen?

Tange Kenzō (1987), Maki Fumihiko (1993), Andō Tadao (1995), Sejima Kazuyo und Nishizawa Ryūe von SANAA (2010), Itō Toyoo (2013), Ban Shigeru (2014), Isozaki Arata (2019) und Yamamoto Riken (2024).

Gibt es Bauten japanischer Stararchitekten im deutschsprachigen Raum?

Ja, etwa Andōs Konferenzpavillon auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein und SANAAs Zollverein-Kubus in Essen. Shigeru Ban baute unter anderem das Centre Pompidou-Metz in Frankreich.

Warum wird der Schrein von Ise alle 20 Jahre neu gebaut?

Der periodische Neubau (Shikinen Sengū) erneuert die heilige Wohnstätte der Gottheit und gibt das Zimmermannswissen an die nächste Generation weiter. Zuletzt geschah dies 2013.

Quellen

  1. 1.Laureates (öffnet in neuem Tab) — The Pritzker Architecture Prize
  2. 2.文化庁 – 文化財 (öffnet in neuem Tab) — Agency for Cultural Affairs
  3. 3.Buddhist Monuments in the Horyu-ji Area (öffnet in neuem Tab) — UNESCO World Heritage Centre
  4. 4.伊勢神宮 (öffnet in neuem Tab) — Jingū Shichō
  5. 5.Japan National Tourism Organization (öffnet in neuem Tab) — JNTO

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